Glauben ohne Werke ist tot
„Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Nicht die Gesunden brauchen einen Arzt, sondern die Kranken; ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder zur Buße.“ (Mt 9,12, Mk 2,17 und Lk 5,31)
Wie sieht es mit uns 'Nachfolgern' aus: folgen wir dem Beispiel Jesu und suchen Gemeinschaft mit denen, die quasi 'verstossen' sind aus der Gesellschaft respektive an deren Rand lavieren: die heutigen 'Randgruppen' wie z.B. Alkoholiker, Drogenabhängige, Prostituierte, Spielsüchtige, Dealer, Schläger, Obdachlose, Arbeitslose (die Liste ließe sich noch lang fortsetzen)-
oder ziehen wir nicht doch lieber Gemeinschaft mit 'Unseresgleichen', den 'braven' Christen, bei denen alles so 'wohlgeordnet' & 'gutsituiert' ist (oder zumindest nach außen hin so scheint), vor? Es ist 'kommod' & schafft keine Probleme- und schlussendlich zählt doch eh nur die Gemeinschaft- oder?
Nicht so bei Jesus. Er suchte die Verstoßenen & Verachteten auf: Aussätzige, Kranke, Huren, Zöllner- ihnen wendete er sich zu, ihnen galt seine Aufmerksamkeit.
Es gibt zahllose traurige Beispiele, wie sehr der 'äussere Eindruck' maßgeblich mitentscheidend ist, z.B. zu sehen in einem Clip bei Youtube: Dort wurde ein Experiment gestartet: ein gutgekleideter, offenbar gutsituierter Mann mit Krücken stürzt inmitten einer Menschenmenge hin. Sofort eilen einige der Umstehenden auf ihn zu, reichen ihm die Hände, helfen ihm auf, klopfen seinen Anzug ab und bieten weitere Hilfe an. Das i s t Hilfsbereitschaft...
Nun, 30 min. später an gleicher Stelle der gleiche Mann- diesmal allerdings in Lumpen gekleidet und verwahrlost aussehend. Wieder stürzt er mit seinen Krücken inmitten der Menschenmenge- aber diesmal hilft niemand der Umstehenden- sie schauen zwar auf den am Boden liegenden Mann, gehen aber achtlos an ihm vorüber und lassen ihn hilflos am Boden liegen. Ein Einzelfall? Mitnichten...
Was ist los? Ist dieser Mensch weniger wert, nur weil seine Kleidung schmutzig & zerissen ist? Die traurige Antwort der 'Gesellschaft' ist -wie unschwer an den Reaktionen (besser: Nicht-Reaktionen...) zu sehen ist- eindeutig ein „Ja“.
Jakobus mahnt in Kapitel 2 Vers 1: „Meine Brüder, habt den Glauben unseres Herrn Jesus Christus, des Herrn der Herrlichkeit, nicht mit Ansehen der Person.“
Dies erinnert mich auch an den selbstgerechten Pharisäer im Tempel (Lk 18,9-14):
„Er
[Jesus; Anm. d. Autors] sprach aber auch zu einigen, die auf sich selbst vertrauten, dass sie gerecht seien, und die Übrigen verachteten, dieses Gleichnis: Zwei Menschen gingen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer und der andere ein Zöllner. Der Pharisäer trat hin und betete bei sich selbst so: O Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die Übrigen der Menschen: Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche, ich verzehnte alles, was ich erwerbe. Der Zöllner aber, von fern stehend, wollte nicht einmal die Augen zum Himmel erheben, sondern schlug sich an die Brust und sprach: O Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus vor [O. gegenüber (d.h. im Gegensatz zu)] jenem; denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; wer aber sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“
Ich habe diese Ignoranz & Gleichgültigkeit anderen gegenüber, die aus dem üblichen 'Rahmen fallen' nicht nur bereits selbst erlebt (und beileibe nicht nur einmal!)- noch öfter aber habe ich sie bei Anderen beobachten können- zuletzt so geschehen bei einer Motorradtour mit einem Freund, während der wir in Freiburg abends Rast machten.
Nach einem guten Essen schlenderten wir -auf dem Weg zu unseren Motorrädern- durch Freiburg's belebte Innenstadt, als uns eine junge Frau ins Auge fiel, die zusammenkauert vor der verschlossenen Tür des dortigen Heilsarmee-Hauses herzzerreissend schluchzte. Obwohl es regnete, war sie nur leicht bekleidet & hatte zudem keine Schuhe an den nur mit nassen Socken bekleideten Füssen. Wir hielten an und beratschlagten kurz, was zu tun sei- vielleicht war sie ja 'auf Drogen' oder 'nur' sturzbetrunken- aber in jedem Fall schien sie hilflos. So entschied ich schließlich, sie direkt anzusprechen. Zwischenzeitlich waren etliche Menschen an ihr vorbeigegangen, blieben z.T. sogar stehen, um sie genauer in Augenschein zu nehmen- einige grinsten sogar belustigt- aber: sie alle gingen achtlos weiter, und niemand half ihr.
Um es abzukürzen: nach der persönlichen Ansprache, auf die sie nach einiger Zeit auch reagierte, rief ich den Rettungsdienst-Notruf an. Dieser sicherte sein baldiges Kommen zu & bat uns, solang 'vor Ort' auf sein Eintreffen zu warten. Dies taten wir auch, während die Frau inzwischen -auf allen Vieren- mitten auf die belebte Strasse gekrabbelt war und dort -zur allgemeinen Belustigung der Passanten- anfing, 'Purzelbäume' auf der nassen Strasse zu schlagen.
Um sie zu schützen, stellte ich mich mitten vor sie hin, während sie am Boden hockte, um so den Passantenstrom von ihr fernzuhalten, während mein Freund 'die Flanke' sicherte und die Passanten im Auge behielt. Er berichtete später, dass einige ihn nach einem Blick auf die offensichtlich verwirrte Frau grinsend und wie beifallheischend anschauten, dann aber -unter seinem strengen Blick- wie beschämt den Blick senkten und schnell weitergingen.
Bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes nach ca. 15 min sind wohl an die Hundert (oder sogar mehr- ich hab sie nicht gezählt...) Personen an uns vorbeigeströmt- aber nicht eine Einzige(!) hat gefragt, was los sei und/oder ob sie in irgend einer Weise helfen könne.
Inzwischen hatte sich sogar -in einigem Abstand- ein Kreis von ca. 20 'Schaulustigen' gebildet, die wohl allzu gern sehen wollten, was denn noch weiter geschieht.
Als der Rettungsdienst schließlich eintraf, übergaben wir die junge Frau in die Obhut der Sanitäter, verabschiedeten uns, griffen unsere am Boden liegenden Helme und gingen fort.
Mein Freund sagte mir später, er habe in einigen Gesichtern der Umstehenden etwas wie Fassungslosigkeit erkennen können- er interpretierte es als Verwunderung, das wir 'Rocker' gar nichts mit dieser Frau zu tun hatten, sondern lediglich nur -auf sie aufpassend- auf den gerufenen Rettungsdienst gewartet haben.
Warum ich dieses Beispiel aufführe? Nun: die Frau war -aus welchen Gründen auch immer- hilflos & hilfebedürftig- aber niemand(!) fühlte sich berufen zu helfen- schlimmer noch: viele ergötzten & amüsierten sich sogar noch an ihrer offensichtlichen Verwirrtheit.
Und: mein Freund und ich sahen -obwohl wir Kutten mit christlichen Patches trugen- für die umstehenden dennoch wie 'Rocker' aus: und 'bei denen gibt’s -nach allgemein vorherrschender Meinung- doch immer Aufregung, Randale & Zoff'- also bleibt man doch mal neugierig stehen & schaut einfach mal zu, was da noch so passiert...
Zurück zu der Teilnahmslosigkeit & Gleichgültigkeit: auch wir Christen sind davor keinesfalls gefeit- denn: wäre es so, wäre die Bibel nicht voller Ermahnungen Anteil zu nehmen, Mitgefühl zu zeigen, Barmherzigkeit zu üben...
Wie schwer fällt es uns oft, einem Anderen in einer Notsituation zu helfen- selbst, wenn es uns möglich wäre: durch Taten, oder auch durch (Geld-)Gaben.
Wie oft sagen wir statt dessen: „Ich werde für Dich und Deine Situation beten“, anstatt tat-sächlich Hilfe zu leisten?
Damit will ich keinesfalls Sinn & Nutzen eines aufrichtigen Gebets in Frage stellen- aber prüfen wir uns selbst, ob wir das Gebet nicht nur etwa vorschieben, um selbst nicht tätig werden, nicht selbst 'Hand anlegen' oder 'in die Tasche greifen' zu müssen?
Das gibt es bei & unter Christen nicht, wirfst Du jetzt ein?
Da widerspreche ich- auch aus eigener Erfahrung...
Warum sonst finden wir Bibelstellen wie 1Joh 3,17+18?
„Wer aber irgend irdischen Besitz [Eig. den Lebensunterhalt der Welt] hat und sieht seinen Bruder Mangel leiden und verschließt sein Herz [Eig. Eingeweide (d.h. sein Inneres)] vor ihm, wie bleibt die Liebe Gottes in ihm? Kinder, lasst uns nicht lieben mit Worten [W. Mit Wort] noch mit der Zunge, sondern in Tat und Wahrheit.“
Oder eine wie Jak 2,14-17?
„Was nützt es, meine Brüder, wenn jemand sagt, er habe Glauben, hat aber keine Werke? Kann etwa der Glaube ihn erretten? Wenn [aber] ein Bruder oder eine Schwester nackt ist und der täglichen Nahrung entbehrt, jemand von euch spricht aber zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht das für den Leib Notwendige – was nützt es? So ist auch der Glaube, wenn er keine Werke hat, in sich selbst tot.“
und weiter Vers 20:
„Willst du aber erkennen, o nichtiger Mensch, dass der Glaube ohne die Werke tot ist?“
und Vers 24:
„Ihr seht also, dass ein Mensch aus Werken [O. auf dem Grundsatz der Werke (w. aus den Werken)] gerechtfertigt wird und nicht aus Glauben [O. auf dem Grundsatz des Glaubens] allein.“ Und schließlich Vers 26:
„Denn wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne [die] Werke tot.“
Daher gilt, wie in Jak 1,22 zu lesen: „Seid aber Täter des Wortes und nicht allein Hörer, die sich selbst betrügen.“
Ich jedenfalls werde meine Augen nicht vor der Not anderer verschließen und dort, wo ich kann, auch weiterhin helfen...
(...und hoffen, dass, sollte ich mal in eine 'Notsituation' kommen, auch mir dann entsprechend geholfen wird...)
[Impuls vom 16.01.2015]
